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Epilepsie bei Schwangerschaft

Epilepsie und Schwangerschaft

 
Etwa 1 % aller Schwangeren haben Epilepsie. Die Mehrzahl dieser Schwangerschaften verläuft komplikationslos und es werden gesunde Kinder geboren. Eine Epilepsie stellt also in der Regel keinen Grund dar, auf Kinder zu verzichten. Es besteht zwar für Kinder epilepsiekranker Eltern ein leicht erhöhtes Fehlbildungsrisiko, die Angstvor Mißbildungen ist aber meist zu groß, und das Risiko kann zusätzlich verringert werden, wenn eine Schwangerschaft sorgfältig geplant wird und vorbeugende Maßnahmen getroffen werden.
Wichtige Fragen zu diesem Thema sollten daher vor einer Schwangerschaft geklärt werden. Ihr wesentlicher Ansprechpartner ist hierbei Ihr(e) behandelnde(r) Neurologe/Neurologin in Zusammenarbeit mir Ihrem Gynäkologen/Ihrer Gynäkologin. Mit dieser Broschüre hoffen wir, Ihnen wichtige Informationen vermitteln zu können und Ihnen mehr Sicherheit bei der Planung einer Schwangerschaft zu geben.
 

Wie hoch ist das Risiko einer Vererbung?

Epilepsien sind zwar bis auf sehr seltene Ausnahmen keine Erbkrankheiten, trotzdem haben Kinder epilepsiekranker Eltern ein erhöhtes Risiko, selbst an einer Epilepsie zu erkranken.
Dabei liegt das duchschnittliche Risiko einer Vererbung bei einem betroffenen Elternteil bei ca. 5% und ist stark abhängig von der Art der Epilepsie, wobei Kinder epilepsiekranker Frauen ein etwas höheres Risiko haben, wieder an einer Epilepsie zu erkranken, als Nachkommen männlicher Epilepsiepatienten. Das Vererbungsrisiko steigt auf ca. 15% an, wenn beide Elternteile an einer Epilepsie leiden. Bei speziellen Fragen zur Erblichkeit bestimmter Epilepsiesyndrome empfiehlt es sich, eine genetische Beratungsstelle aufzusuchen, die Ihnen Ihr behandelnder Arzt sicher nennen kann.

Ist im Verlauf der Schwangerschaft mit Komplikationen zu rechnen?

Frauen mit einer Epilepsie müssen nicht prinzipiell mit einer schwereren oder komplizierteren Schwangerschaft bzw. Geburt rechnen als gesunde Frauen. Bei ca. 85% der Patientinnen ist die Schwangerschaft durch eine Epilepsie unbeeinträchtigt.
Nur bei ca. 10% der Patientinnen kommt es zu einer deutlichen Verschlimmerung der Anfallssituation, möglicherweise auch bedingt durch eine Medikamentenreduktion aus Angst vor Schädigung des Kindes. Andererseits können verschiedene Veränderungen des Stoffwechsels während der Schwangerschaft zu einem Abfall der Blutspiegel der Medikamente und dadurch zu vermehrten Anfällen führen; in diesem Fall kann eine Dosisanpassung der Antikonvulsiva erforderlich werden.
Bei immerhin 5% der Patientinnen ist während der Schwangerschaft sogar mit einer Verbesserung der Anfallshäufigkeit und -intensität zu rechnen.
Generalisierte tonisch-klonische Anfälle während der Schwangerschaft können sich wegen des damit verbundenen Sauerstoffmangels für das ungeborene Kind nachteilig auswirken, das Risiko kleiner generalisierter oder fokaler Anfälle ist bislang unklar. Insgesamt ist die Gefahr einer Schädigung des Kindes durch wiederholte generalisierte tonisch-klonische Anfälle bei der Mehrzahl der Patientinnen sicherlich größer als das durch Antikonvulsiva bedingte Mißbildungsrisiko. Daher sollte auch während der Schwangerschaft auf bestmögliche Anfallskontrolle geachtet werden.
Der Schwangerschaftsverlauf unterscheidet sich ansonsten nicht wesentlich von demjenigen nicht erkrankter Frauen, und auch die Entbindung verläuft normalerweise nicht komplizierter.
Aus epileptologischer Sicht besteht die Notwendigkeit zu einem Kaiserschnitt nur dann, wenn während der Wehen wiederholt Anfälle auftreten.

Wie hoch ist das Fehlbildungsrisiko für das Kind?

Es besteht ein leicht erhöhtes Risiko für Fehlbildungen bei Kindern epilepsiekranker Eltern, allerdings ist die Angst vor Mißbildungen meist zu groß. Die Wahrscheinlichkeit, daß Ihr Kind eine schwerwiegende Mißbildung haben wird, liegt mit 2- 4% nur geringfügig höher als in der allgemeinen Bevölkerung, in der dieses Risiko 0,5 - 1% beträgt. Dabei versteht man unter schwerwiegenden Mißbildungen solche, die einen chirurgischen Eingriff beim Kind erforderlich machen (z. B. Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte, Spina bifida, Skelett- und Herzmißbildungen). Bei der Medikation ist zu beachten, daß besonders unter Valproinsäure, wahrscheinlich aber auch unter Carbamazepin, das Risiko einer Spina bifida mit in unterschiedlichem Ausmaß fehlender Schlußbildung von Rückenmark und Wirbelkanal merklich erhöht ist.
Geringfügige Mißbildungen (z. B. kleine kosmetische Veränderungen der Gesichtspartien oder Verkürzung von Fingerendgliedern oder Nägeln) kommen nicht häufiger vor als bei Kinder von Eltern ohne Epilepsie. Möglicherweise treten unter einer Medikation mit Phenytoin kleinere Fehlbildungen etwas gehäufter auf.

Was können Sie tun, um das Risiko für sich und Ihr Kind so gering wie möglich zu halten?

Durch eine geplante Schwangerschaft besteht die Möglichkeit, Risiken zu vermeiden bzw. zu verringern. Generalisierte tonisch-klonische Anfälle während der Schwangerschaft können Ihrem Kind schaden und sollten daher so weit wie möglich vermieden werden. Deshalb ist es wichtig, die medikamentöse Therapie auch während der Schwangerschaft beizubehalten.
Viele Antikonvulsiva haben ein potentiell teratogenes Risiko, d. h. sie können Mißbildungen beim ungeborenen Kind verursachen. Dieses Risiko steigt mit der Anzahl der eingenommenen Medikamente, so daß eine Monotherapie erstrebenswert ist. Es ist deshalb wichtig, daß Sie bereits bei der Planung einer Schwangerschaft mit Ihrem/Ihrer behandelnden Neurologen/Neurologin über die Medikamente sprechen und ggf. Änderungen vornehmen.
Die regelmäßige und exakte Einnahme der Medikamente ist gerade während der Schwangerschaft von besonderer Bedeutung. Im allgemeinen empfiehlt es sich, die Einnahme der Medikamente auf mehrere Einzelgaben pro Tag zu verteilen (z. B. dreimal oder viermal täglich statt einmal oder zweimal täglich) und Retardpräparate einzunehmen. Dadurch können Konzentrationsspitzen des Medikamentes in Ihrem Blut vermieden werden, die schädlich für Ihr ungeborenes Kind sein könnten. Die Wirkspiegel der Medikamente sollten vor, während und nach der Schwangerschaft regelmäßig von Ihrem Arzt kontrolliert werden, da es durch die hormonellen Umstellungen während und unmittelbar nach einer Schwangerschaft zu ungewohnten Veränderungen kommen kann. Häufiges Erbrechen, wie es zu Beginn einer Schwangerschaft nicht selten ist, kann ebenfalls dazu führen, daß der Wirkspiegel des Medikamentes absinkt und dadurch vermehrt Anfälle auftreten. Sie sollten gegebenenfalls die Einnahmezeiten der Medikamente nach Absprache mit Ihrem Arzt dem Verlauf Ihres Übelkeitsgefühls anpassen.

Folsäure - ein wichtiges Vitamin

Folsäure ist ein Vitamin, welches unter anderem in Milch, Leber oder verschiedenen Gemüsesorten vorkommt. Durch die zusätzliche Gabe von Folsäure kann das Risiko von Mißbildungen deutlich reduziert werden. Gerade die ersten 12 Wochen der Schwangerschaft sind für die Anlage und Entwicklung der Organe Ihres Kindes und dadurch auch für die Entstehung von Mißbildungen von großer Bedeutung. Deshalb ist es wichtig, die Folsäure bereits Wochen bis Monate vor Eintritt einer Schwangerschaft einzunehmen, wobei sich eine tägliche Dosis von 0,5 - 2 mg bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels empfiehlt.
 

Was tun bei ungewollter Schwangerschaft?

Tritt eine Schwangerschaft ungeplant ein, können natürlich viele der vorbeugenden Maßnahmen nicht mehr durchgeführt werden. Meist wird die Schwangerschaft erst in der 5 - 7 Woche entdeckt. Sie sollten dann sofort Ihren Arzt informieren.
Die Verteilung der Tabletteneinnahme auf mehrere Male am Tag macht auch jetzt noch Sinn. Ebenfalls kann eine Einnahme von Folsäure durchaus noch nützlich sein. Auf jeden Fall sollten Sie die Medikamente nicht eigenmächtig reduzieren oder absetzen. Ein Absetzen der Medikamente kann zu diesem Zeitpunkt eventuelle Mißbildungen auch nicht mehr verhindern, aber durch Auftreten großer Anfälle womöglich dem ungeborenen Kind schaden. Weil es bei Frauen mit Epilepsie ebenso oft wie auch sonst zu ungewollten Schwangerschaften kommt, verordnen viele Neurologen allen Patientinnen im gebärfähigen Alter vorsorglich Folsäure.

Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft

Aufgrund des etwas erhöhten Risikos von Mißbildungen für Ihr ungeborenes Kind sollten Sie die Vorsorgeuntersuchungen sehr sorgfältig wahrnehmen. Hierzu gehören Ultraschall-, Blut- und eventuell auch eine Fruchtwasseruntersuchung. Mit diesen Methoden läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit frühzeitig eine mögliche gesundheitliche Schädigung Ihres Kindes diagnostizieren. Lassen Sie sich hierüber genau von Ihrem Frauenarzt/Ihrer Frauenärztin beraten.

Vorbeugung von Gerinnungsstörungen beim Neugeborenen

Vitamin K ist wichtig für die Blutgerinnung. Einige antikonvulsive Medikamente reduzieren die Konzentraton von Vitamin K im Körper und können bei Ihrem Kind unmittelbar nach der Geburt die Blutungsbereitschaft erhöhren. Um Blutungen beim Neugeborenen vorzubeugen, sollte unmittelbar nach der Geburt Vitamin K oral oder subkutan gegeben werden.

Darf ich mein Baby nach der Geburt stillen?

Muttermilch ist für ein Neugeborenes die bestmögliche Nahrung. Sie sollten deshalb nicht auf das Stillen verzichten, solange das Befinden des Säuglings nicht dagegenspricht. Antikonvulsiva finden sich zwar auch in der Muttermilch, in der überwiegenden Mehrzahl allerdings in Konzentrationen, die für das Baby nicht schädlich sind. Da Antikonvulsiva plazentagängig sind, ist Ihr Kind bereits während der Schwangerschaft in Kontakt mit dem Medikament gekommen. Sollten Sie Ihr Kind nicht stillen, kann dies unter Umständen zu Entzugserscheinungen führen. Durch das Stillen wird Ihr Kind also auf ganz natürliche Weise entwöhnt. Stellen Sie bei Ihrem Baby jedoch eine verstärkte Müdigkeit oder Trinkschwäche fest, kann dies eine Nebenwirkung der Medikamente sein. Sie sollten dann nach Rücksprache mit Ihrem behandelnden Kinderarzt entweder abstillen oder schrittweise die Muttermilch durch Flaschennahrung ersetzen.
Für den Säugling besteht die Gefahr, bei einem Anfall der Mutter verletzt zu werden. Deshalb sind für Mütter mit Anfällen mit Bewußtseinstörungen beim Umgang mit Neugeborenen verschiedene einfache Vorsichtsmaßnahmen sinnvoll, wie z. B. den Säugling nicht allein zu baden, auf dem Boden zu wickeln oder sich beim Stillen hinzulegen.

Allgemeine Empfehlungen

Generell sollte die Behandlung einer Epilepsie bei Frauen im gebärfähigen Alter nach den üblichen Richtlinien erfolgen. Besteht eine Therapie mit Valproinsäure und Sie planen eine Schwangerschaft, kann eine Umstellung der Medikation erwogen werden. Ist dies aufgrund des bestehenden Epilepsiesyndroms nicht möglich, sollte ein Retardpräparat auf drei bis vier Tagesdosen verteilt gegeben werden. Prophylaktisch ist die Einnahme von 0,5 - 2 mg des Vitamins Folsäure täglich zur Reduktion des Mißbildungsrisikos sinnvoll. Gerade in der Frühschwangerschaft sollten möglichst wenige Medikamente in möglichst niedriger Dosierung gegeben werden. Blutspiegelbestimmungen der Antikonvulsiva sind während der Schwangerschaft in regelmäßigen, z. B. vier- bis achtwöchigen Abständen sinnvoll. Dosisanpassungen der Medikamente sind - wenn überhaupt - meist erst im zweiten bis dritten Schwangerschaftsdrittel erforderlich.
Durch Bestimmung des Alpha-Fetoproteins im Blut und eine Ultraschalluntersuchung in der 16. - 18. Schwangerschaftswoche kann eine Spina bifida relativ zuverlässig diagnostizert werden, gegebenenfalls ist noch eine Amniozentese (Fruchtwasseruntersuchung) erforderlich. Dabei sollten Sie sich Ihre Einstellung zur Möglichkeit einer Schwangerschaftsunterbrechung im Fall einer nachgewiesenen Mißbildung vor Durchführung dieser Untersuchung in Ruhe überlegen.
 
Priv.-Doz. Dr. Barbara Tettenborn
Kantonsspitalärztin St. Gallen
 

 
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